Virtuelle Events

re:publica im digitalen Exil – wie plant man eine Online-Konferenz? Interview mit Jeannine Koch / re:publica

Bettina Knauer

Die re:publica steht seit 2007 für DAS Festival für die digitale Gesellschaft in Europa und widmet sich Jahr für Jahr Themenfeldern, die von Medien und Kultur über Politik und Technik bis hin zu Entertainment reichen. In diesem Jahr sollte die re:publica vom 6. bis 8. Mai stattfinden. Doch dann kam alles anders …

In den letzten Wochen hat das re:publica-Team intensiv an der ersten digitalen Ausgabe gearbeitet: re:publica im digitalen Exil, die am 7. Mai 2020 ausschließlich online stattfand. Auf der dafür neu geschaffenen Medienplattform re-publica.tv sowie auf YouTube und Facebook ging es in einer eintägigen, kostenfreien Online-Konferenz um gesellschaftliche Diskurse und die aktuelle Situation. 

Wir freuen uns, dieses neue Format als Partner zu begleiten und haben vor dem Start der #rpREMOTE mit Jeannine Koch, Direktorin der re:publica, darüber gesprochen. Jeannine gibt uns Einblicke in die Arbeit des re:publica-Teams und erklärt, ob und wie eine Konferenz digitalisiert werden kann. Sie empfiehlt vor allem, Dinge nicht bis zum Ende kaputt zu planen, sondern „einfach mal zu machen“. Also lassen Sie sich inspirieren und starten Sie noch heute mit der Planung Ihres eigenen Online-Events!

re:publica als #rpREMOTE im digitalen Exil. Direktorin Jeannine Koch: Es geht vor allem darum, sich ein wenig von dem Gelernten zu befreien. Sich davon zu lösen, dass Veranstaltungen ‚so oder so‘ auszusehen haben.
© Bild Jeaninne Koch: Dominik Butzmann

Hallo Jeannine, schön, dass Du Zeit für unser Interview gefunden hast. Mit der re:publica zieht Ihr üblicherweise an drei Konferenztagen bis zu 25.000 Besucher nach Berlin. 2020 ist das leider nicht wie geplant möglich – doch Ihr habt Euch ein Alternativkonzept überlegt. Um welches Format handelt es sich und wie seid Ihr die Planung angegangen?

Wir haben in den letzten acht Wochen, nach der Bekanntgabe der Verschiebung ins digitale Exil, im Grunde eine neue Medienplattform gegründet: re-publica.tv. Auf dieser Website werden wir am 7. Mai von 11:30 Uhr bis 23 Uhr durchgängig und kostenlos für alle Teilnehmer*innen auf vier Kanälen ein re:publica-typisches Programm streamen. Panels, Interviews, Diskussionsformate und digitale ‚Diskussionsräume‘, in denen wir mit unseren Teilnehmer*innen in Q&As mit einigen unserer Speaker in den Austausch gehen. Wir haben zudem einen ‚Digitalen Hof‘ als weiteren Interaktionskanal für alle ins Leben gerufen, in dem re:publica-Mentor*innen, also Menschen, die die re:publica seit Jahren besuchen und sie wie ihre Westentasche kennen, zum Mitmachen einladen werden. Hier haben sich alle Beteiligten tolle Formate und Aufgabenstellungen überlegt, die vor allem den Wegfall der analogen ‚Umarmung‘ und des analogen ‚Netzwerkens‘ kompensieren und somit zumindest einen virtuellen Ort des Austausches untereinander darstellen sollen. Wir sind selbst sehr gespannt, wie sich unsere Ideen dann in der Umsetzung anfühlen werden. Wir sind natürlich unendlich dankbar, dass es so viele treue Menschen in der Community gibt, die sich an diesem Tag Zeit nehmen, um diesen Prototypen einer neuartigen Digital-Konferenz mit Leben zu füllen.

Die Planungen haben wir von der Pike auf neu aufgenommen. Uns war klar: So ganz ohne irgendeine Zusammenkunft der Netzgemeinde im Mai wollen wir nicht auskommen. Deshalb haben wir uns zwei Tage nach der Verschiebung im März in unserer ersten virtuellen Video-Konferenz im Team zusammengefunden und über die Möglichkeiten ausgetauscht. Zu Beginn noch recht ergebnisoffen, doch nach kurzer Zeit – und nach täglichen Video-Calls mit dem Team – stand das rudimentäre Gerüst der #rpREMOTE. Und dann ging es vor allem darum, herauszufinden, welcher technischen Gegebenheiten es bedarf, um diese re:publica in der digitalen Sphäre zu einem besonderen Erlebnis zu machen und zu einer Erfahrung, die jenseits der täglichen Home-Office-Videos liegt und vor allem die Teilnehmer*innen zu echten Akteur*innen macht. Das heißt, wir haben viele Plattformen getestet und Ideen wieder verworfen bis wir ein Konstrukt zusammen hatten, welches uns erlaubte, das spannende Programm unserer Community barrierearm zugänglich zu machen und dabei gleichzeitig den offenen, diversen und partizipativen Austausch einer regulären analogen re:publica zu gewährleisten. Und so ist re-publica.tv entstanden. 

Auf der re:publica werden im wahrsten Sinne des Wortes Fragestellungen der digitalen Gesellschaft diskutiert. Gleichzeitig fördert Ihr die aktive Beteiligung der Teilnehmer*innen – initiiert durch den der Konferenz vorausgehenden ‚Call for Participation‘. Plant Ihr diese Interaktion auch im digitalen Raum und wie ist das möglich?

In dieser ersten Ausgabe der digitalen #rp konnten wir vor allem einige der Sprecher*innen aus dem vorangegangen Call for Participation für eine Teilnahme gewinnen. Denn es war uns natürlich auch sehr wichtig, die bestehende Community und die bereits eingereichten Vorschläge irgendwie in das neue Konzept zu integrieren. Leider haben wir in der digitalen Variante der re:publica weit weniger ‚Platz‘, also Kanäle (was in der analogen Welt Bühnen wären), als bei den gewohnten re:publica-Veranstaltungen. Hier war die Auswahl besonders schwierig, auch gerade, weil wir viele der anderen tollen Themenvorschläge nur schweren Herzens erst einmal nicht integrieren konnten. Gleichzeitig war klar, dass wir uns den sehr aktuellen Debatten rund um die Corona-Pandemie widmen wollten. Das heißt, Themenstränge wurden neu kuratiert und Schwerpunkte neu gesetzt. Wir beschäftigen uns demnach nun auch viel mit den wirtschaftlichen, sozialen und gesellschaftlichen Folgen der aktuellen Covid-19-Krise.

Schon allein thematisch seid Ihr eng mit den Themen Internet und Digitalisierung ‚verbandelt‘. Wie schätzt Du die Auswirkungen der aktuellen Situation darauf ein?

Jede*r, die/der sich derzeit mit diesen Themen beschäftigt und auch jene, die in der Vergangenheit glaubten, nicht so viel Anknüpfungspunkte hierzu gehabt zu haben, stellen nun fest, wie sehr sich das Leben derzeit ins Netz verlagert hat. Seien es nun die seit Wochen anhaltenden zahlreich durchgeführten Home-Office-Video-Konferenzen, selbst derjenigen, die bis vor kurzem noch nicht einmal einen VPN-Zugang ihres Arbeitgebers gestellt bekommen haben, oder die intensiven und fordernden Homeschooling-Stunden. Wir merken alle, dass das, was scheinbar seit Jahren nicht zu gehen schien, plötzlich in Umsetzung gebracht werden kann, wenn es die Situation erfordert. Aber auch die vermeintlichen Effekte auf das reale Leben, außerhalb des Netzes, zum Beispiel durch die sogenannte Tracing-App werden nun sichtbar und die Gesellschaft muss sich diesen neuen Herausforderungen gemeinsam stellen. Ich nenne es immer die ‚Turbo-Digitalisierung‘, die nicht nur in Deutschland, sondern global zu betrachten ist. Das wird definitiv langfristige Auswirkungen auf uns alle haben. Ganz konkret sind auch die Adaptionsfähigkeiten und Innovationen aus der Kultur- und Eventbranche spannend, die nun alle – so wie wir auch – nach neuen Formaten gucken mussten, damit dieser elementar wichtige Part des gesellschaftlichen Miteinanders nicht komplett zum Erliegen kommt. Wie sich das alles in den nächsten Wochen, Monaten oder gar Jahren entwickeln wird, wird für uns alle eine sehr herausfordernde und spannende Zeit der Betrachtung – aber vor allem auch des Agierens – nach sich ziehen. Ich persönlich finde diesen Prozess hochinteressant, denn eine derartige gesellschaftliche – vor allem globale – Transformation hat es so noch nicht gegeben.

Wie wirkt sich das auf die Eventplanung aus? Kann man überhaupt vorausplanen? Wie organsiert Ihr Euch?

Hier geht es vor allem darum, sich ein wenig von dem Gelernten zu befreien. Sich davon zu lösen, dass Veranstaltungen ‚so und so‘ auszusehen haben und durchzuführen sind. re:publica war dahingehend ja schon immer Vorreiterin, gesellschaftliche Debatten – sowohl mit Vertreter*innen aus der Politik, Wissenschaft, Wirtschaft, als auch aus den Medien und der Kultur gemeinsam mit der Zivilgesellschaft – zu verhandeln: dies stets auf Augenhöhe mit allen Beteiligten, um tatsächlich einen echten Dialog und damit einen zukunftsweisenden Diskurs zu ermöglichen – offen, bunt und divers – re:publica als ein Ort, wo wirklich jede*r willkommen ist und gehört wird. Das macht auch die seit Jahren intensiv gepflegte Community aus.

Und natürlich geht es nun ebenfalls darum, sich zu überlegen, in welchen Formaten man dies künftig sowohl digital als auch analog umsetzen kann. Damit starten wir ja nun am 7. Mai und sind sehr aufgeregt und gespannt, wie sich das für uns alle – also auch für die Speaker, Teilnehmer*innen an ihren Screens, den Partnern und für uns als Team, anfühlen wird.

‚Digitale Eventformate sind gekommen, um zu bleiben‘ – wie siehst Du das? Und welche Tipps kannst Du anderen Veranstaltern mit auf den Weg geben?

Wir haben ja schon immer auch unsere Hauptbühnen ins Netz gestreamt und sie im Nachgang auf unseren Plattformen allen Interessierten zur Verfügung gestellt. Es gibt auf YouTube ein jahrelang gewachsenes Archiv toller, relevanter und zeitgeistiger Vorträge, die auch gerade jetzt wieder mehr an Sichtbarkeit gewinnen und damit diesem Vorgehen auch Nachhaltigkeit verleihen. Mit Sicherheit wird die gesamte Eventbranche künftig Hybride entwickeln, die sowohl analog als auch digital stattfinden können. Das direkte Aufeinandertreffen an einem Ort wird immer – und das merken wir auch im täglichen beruflichen sowie privaten Miteinander – ein wichtiger Baustein des sozialen Austausches bleiben, denn Mimik, Gestik gepaart mit einer besonderen Energie im Raum setzen noch immer einen drauf und vor allem viel Kreativität frei. Aber sich mit neuen Möglichkeiten auseinanderzusetzen ist spannend und nun nicht mehr wegzudenken. Anderen Veranstaltern kann man vor allem Mut und Kreativität wünschen. Ich persönlich würde zudem raten, Dinge nicht bis zum Ende kaputt zu planen, sondern eben ‚einfach mal zu machen‘. Denn daran kann man ja auch lernen und wachsen. Ich vermute, dass ansonsten viele tolle Ideen und Konzepte einfach nie in Umsetzung gebracht werden, weil die Angst vorm Scheitern zu groß ist. Jetzt ist die Zeit zu experimentieren und neue Standards für sich zu setzen. Und das ist doch eine unglaubliche Chance!

Vielen Dank Jeannine für die Einblicke in Deine und Eure Arbeit und die tollen Empfehlungen. Wir freuen uns auf die Umsetzung am 7. Mai!

Auch Sie möchten Ihre Veranstaltung online anbieten? Mehr zu den Vorteilen und Herausforderungen bei virtuellen Events lesen Sie unter anderem in unserem Artikel „Virtuelle Events – enormes Potential für Eventveranstalter.“ Wie Sie die erforderliche Aufmerksamkeit generieren, erfahren Sie hier

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Bettina Knauer Content Marketing & PR Manager, XING Events

Ihre ersten Schritte in der Kommunikation machte Bettina vor rund sieben Jahren - damals als Studentin der Politik und Soziologie. Marketing und Corporate Communications ließen sie nicht mehr los und führten sie zunächst für den Master nach Leipzig, bevor sie beruflich in München landete. Seit 2019 verbindet sie ihre Leidenschaft für gute Inhalte, Unternehmenspositionierung und digitale Kanäle bei XING Events, wo sie Content Marketing und PR verantwortet.

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