Virtuelle Events

Warum wir Events neu denken müssen und was es bringt Interview mit Christian Münch (Owner and Managing Director, Planworx GmbH) und Stefan Luppold (Studiengangsleiter "Eventmanagement", Universität Ravensburg)

Die VExCon 2021 steht kurz bevor und widmet sich in diesem Jahr dem Wandel und der Zukunft der Eventbranche. Mit dabei sind auch Christian Münch, Owner and Managing Director der Eventagentur Planworx, und Professor Stefan Luppold, der an der staatlichen DHBW Ravensburg den Studiengang „Messe-, Kongress- und Eventmanagement“ leitet – zwei wahre Eventprofis also. Kürzlich haben die beiden außerdem ihr Buch „Ehrliche Events“ veröffentlicht, in dem sie aufzeigen, wie Corona die Branche verändert hat und warum Veranstaltungen jetzt neu gedacht werden müssen. Dabei verbindet die beiden mehr als die Autorenschaft: Ravensburg ist ihre „Homebase“ – für Christian Münch als Alumnus die Alma Mater, für Stefan Luppold als Professor und Studiengangsleiter der Schmiede für den Branchennachwuchs. Aber auch ihr Verständnis für Live-Kommunikation und die Ernsthaftigkeit der persönlichen Begegnung, die Interaktion und die Professionalität in der Konzeption und Durchführung von Events ist deckungsgleich. Grund genug für uns, mit den beiden schon vor der VExCon über ihre Zukunftsprognosen zu sprechen.

XING Events Lesetipp: Besser digital? Was die Eventbranche 2020 und 2021 gelernt hat

Wenn wir jetzt als Eventplaner so vorgehen, wie 'wir das immer schon gemacht haben', ist der Misserfolg vorprogrammiert und die Erwartungshaltung beider Anspruchsgruppen wird enttäuscht.
Stefan LuppoldStudiengangsleiter, Universität Ravensburg
In einer Krise hilft es nur, mutig, innovativ und offen für Veränderungen zu sein. Und wenn es nötig ist, auch das gesamte Geschäftsmodell zu verändern.
Christian MünchOwner and Managing Director, Planworx GmbH

Herr Münch, Herr Luppold, vielen Dank, dass Sie sich Zeit für unser Interview nehmen. Sie haben kürzlich Ihr Buch „Ehrliche Events“ veröffentlicht. Worum geht es im Kern und welche Intention steht dahinter?

Christian Münch: Unser Buch thematisiert den Menschen, der mehr in den Mittelpunkt gerückt werden muss. Und fordert dazu auf, Events neu zu denken. Wir stupsen dabei an und versuchen bereits im Vorwort – jeder von uns hat da seine persönliche Intention für dieses Buch dokumentiert – Impulse zu geben.

Ich formuliere das so: „Ich bin der Meinung, dass sich unsere Arbeit im eigentlichen Sinne nicht verändert hat und es am Ende fast schon egal ist, ob wir ein Event physisch, virtuell oder hybrid realisieren. Denn in meinen Augen geht es hauptsächlich um den Content und dessen Relevanz für die Zielgruppe, eine spannende und zielgruppenaffine Aufbereitung, darum, die Teilnehmer immer wieder zu überraschen, ihnen auf angenehme, teilweise spielerische Art und Weise die Möglichkeit zu geben, ihr Wissen und ihr Netzwerk zu erweitern, ihnen die Möglichkeit zur Interaktion zu geben, um alles in allem ein Teil der individuellen ‚Customer Journey‘ zu sein, an den man sich gern erinnert.“

Steffan Luppold: Es gibt Sein und Schein – klug und ernsthaft betriebenes Event-Geschäft versus Konfetti-Kanonen-Kakofonien und Buffet-Bazooka-Battles. Wie man das thematisiert und in einem Titel zusammenfasst, eine geeignete Überschrift findet, das hat uns bewegt. So kam es zu „Ehrliche Events“. Vor mehr als einem Jahrzehnt titelte das Wirtschaftsmagazin brand eins „Ufftata, Ufftata. Alle mal herhören“ (brand eins Heft 02, Februar 2011) und widmete sich in einem Schwerpunkt dem Thema Event. „War doch ganz schön“ lautet da ein Beitrag, der Statements von mir enthält. Einige gliedernde Bemerkungen des Autors Christian Sywotte zeigen dort, wie relevant unser Ehrliche-Events-Buch ist: „Ziele sind hilfreich“, „Kasperltheater ohne Idee“ oder „Sie wollen nicht wissen, was sie tun“.

Im Buch beschreiben Sie auch die Megatrends der heutigen Zeit, die Menschen und unsere Gesellschaft in den nächsten Jahren massiv verändern werden, und übertragen sie auf die Live-Kommunikation. Welche Megatrends sind das konkret und was sind für Sie die entscheidenden Auswirkungen auf die Branche?

Christian Münch: Der Zukunftsforscher Matthias Horx spricht von Megatrends, die alle Ebenen der Gesellschaft, also Organisationen genauso wie Individuen grundlegend beeinflussen.

Einer dieser großen Trends ist die DIGITALISIERUNG, die derzeit wie eine Flutwelle die Unternehmenslandschaft überschwemmt und sie stark verändert hinterlässt.

Ein weiterer Megatrend ist schon seit Jahrzehnten im Umlauf, aber nicht weniger aktuell: die GLOBALISIERUNG. Sie beschreibt die Veränderungen der Weltwirtschaft, wodurch immer mehr länderübergreifende Transaktionen stattfinden.

Soziale Verantwortung, Chancengleichheit, Ressourcenschonung und nicht zuletzt die von der jungen schwedischen Aktivistin Greta Thunberg initiierte „Fridays-for-Future“-Bewegung sind unter dem Begriff der NEO-ÖKOLOGIE einzuordnen. Ein neues sozial-ökologisches, moralisch und ethisch-vertretbares Konsumverhalten prägt zuerst Individuen, beeinflusst immer weitere Teile der Gesellschaft und zwingt schließlich nach den ohnehin ökologisch konzipierten auch konventionelle Unternehmen, ihre soziale und ökologische Verantwortung wahrzunehmen.

Vom Globalen zum Persönlichen: Der Megatrend INDIVIDUALISIERUNG symbolisiert den Aufstieg des Ichs. Toleranz, Freundschaft und Ehrlichkeit sind die relevanten Werte des Individuums. Massenware hat schon lange keine Hochkonjunktur mehr. Individualisierte Leistungen oder Produkte, die die eigenen Bedürfnisse ansprechen oder die sich der Kunde selbst zusammenstellen kann, sind hoch im Kurs.

Nicht zuletzt lässt sich der von Horx diagnostizierte Megatrend URBANISIERUNG schon lange nicht mehr aufhalten. Mit ihr geht die zunehmende Bedeutung der Städte als Zentren für Wissen, Kultur, Ökonomie und Kreativität sowie nicht zuletzt die – aufgrund der intensiv betriebenen Agrarwirtschaft verlorene – Artenvielfalt einher.

Steffan Luppold: Diese Trends haben enormen Einfluss auf Individuen und Organisationen. Die Individualbedürfnisse wachsen und entwickeln sich, das Streben nach Selbstverwirklichung rückt zunehmend in den Fokus. So lässt sich der Anstieg des Bewusstseins für die soziale Verantwortung des Einzelnen feststellen. Wer es sich leisten kann, achtet auch beispielweise verstärkt auf Nachhaltigkeit. Parallel dazu verspüren viele Menschen das Verlangen, sich einzubringen, mitzugestalten, ihre Meinung kundzutun.

Organisationen hingegen bekommen den Gegenwind zu spüren. Nicht nur sehen sie sich dank der Globalisierung mit dem täglichen Wettstreit der weltweiten Konkurrenten konfrontiert, auch stehen sie mehr denn je im Fokus des öffentlichen Interesses. Immer kürzere Innovationszyklen, der wachsende und sich durch die Digitalisierung auch von völlig neuen Seiten zeigende Wettbewerb sowie schwindende Eintrittsbarrieren erfordern die kontinuierliche Anpassung und Vereinfachung von Arbeitsprozessen und Organisationsstrukturen.

Mit diesem verändertem Mindset und den daraus resultierenden Erwartungshaltungen im Hinterkopf (oder Unterbewusstsein) treffen die beiden Gruppen dann bei einem Event in der Zukunft aufeinander: Individuen in der Regel als Teilnehmer und Organisationen als Veranstalter. Wenn wir jetzt als Eventplaner so vorgehen wie „wir das immer schon gemacht haben“, ist der Misserfolg vorprogrammiert und die Erwartungshaltung beider Anspruchsgruppen wird enttäuscht. Stattdessen sind wir als Eventkonzeptioner gefordert, ausgetretene Pfade zu verlassen und Events konsequent neu zu denken.

Sie sprechen von „ehrlich“ und „mit Haltung“, wenn Sie die Events der Zukunft beschreiben. Was heißt das für Sie?

Christian Münch: Aus den beschriebenen Trends und unseren eigenen Erfahrungen haben wir vier kritische Erfolgsfaktoren herausgearbeitet, die im Prinzip für alle Events gelten sollten und deren Erfolgschancen drastisch erhöhen.

a) Relevanz: Jedes Event sollte maximal auf die avisierte Zielgruppe zugeschnitten sein und eben diese mit relevantem Content versorgen.

b) Botschaft: Warum will ich ein Event veranstalten? Was habe ich der Zielgruppe zu sagen? Was erhoffe ich mir im Gegenzug von den Teilnehmern zu bekommen? Je präziser wir in der Lage sind, das zu formulieren, umso größer die Erfolgsaussichten.

c) Methodik: Wie gelingt es uns, das Event maximal interaktiv, integrativ, kollaborativ zu gestalten und dabei gleichzeitig das Individualbedürfnis des Einzelnen zu befriedigen?

d) Haptik: Wie „fühlt“ sich das Event an. Wie balancieren wir den Hochglanzanspruch des Unternehmens und die Ansprüche an Nachhaltigkeit geschickt aus?

Wie rüsten sich Veranstalter·innen Ihrer Meinung nach am besten für die Zukunft der Eventbranche?

Christian Münch: Die aktuelle Krise hat uns Veranstalter schon in einem sehr besonderen Maß herausfordert und gezeigt, wie anfällig die Branche sein kann. Ein kurzer Rückblick: Noch Anfang März waren unsere Auftragsbücher für das ganze Jahr randvoll mit „klassischen Events“. Wir haben uns Gedanken gemacht über Routenplanung für Roadshows, Traffic-Management auf Messeständen zur Gamescom, Markenaktivierung im Umfeld von Formel E- Rennen, Travel-Management von internationalen Keynote-Speakern, nachhaltiges Catering, Pace-Fahrzeuge, Flugzeiten, Lounge-Zugänge, Sitzplatz-Reservierungen, Ticketpreise. Alles Gedanken und Überlegungen, die seit dem 14.03. letzten Jahres, seit dem Erlass des ersten Veranstaltungsverbots in Deutschland, völlig obsolet sind.

Da hilft es nur, mutig, innovativ und offen für Veränderungen zu sein. Und wenn es nötig ist, auch das gesamte Geschäftsmodell zu verändern. Und viele haben das bereits getan: Nach einer kurzen Schockstarre von drei bis vier Wochen, haben wir angefangen, auch „Events neu zu denken“ (passenderweise das Warum von planworx). In Windeseile haben wir gelernt, Veranstaltungen zu „virtualisieren“, digitale Alternativen zu Messen zu schaffen, Networking auch in digitalen Räumen möglich zu machen – alles, um die Aufenthaltsdauer und Interaktionen von Teilnehmern an den Screens zu maximieren und ihre ungeteilte Aufmerksamkeit zu ergattern. Und wir haben uns ein komplett neues Vokabular angeeignet: Von Serverlasten, Penetrationstest, Cloud-Speicherung, virtuellen Registrierungsschranken, bis hin zu TISAX-Zertifizierung, Semi-Live-Stream und dem idealen technischen Stack eines Programmierers. Unsere HR-Leitung hat mir auf meine Bitte, einen guten „Python-Programmierer“ für die Agentur zu suchen, letzte Woche geantwortet: „Krass. Bis eben dachte ich noch eine Python wäre einfach nur eine Schlange“.

Mit der nötigen Leidenschaft und Motivation ist vieles möglich. Oder um es mit den Worten von Albert Einstein zu formulieren: „Gib das, was Dir wichtig ist nicht auf, nur weil es nicht einfach ist“.

Lieber Herr Münch, lieber Herr Luppold – vielen Dank für das Interview, die Einblicke in Ihr Buch und Ihre persönlichen Zukunftsprognosen.

Christian Münch und Steffan Luppold erklären anschaulich, warum und wie sich die Eventbranche verändert. Weitere Gedanken teilen sie auf der VExCon 2021.

Zusätzliche Einblicke und Visionen finden Sie außerdem in den weiteren Interviews, die wir vor der VExCon geführt haben: 

XING Events Tipp: Lust auf weitere Insights zur Zukunft der Eventbranche?

Dann empfehlen wir Ihnen die diesjährige VExCon. Am 06.10. treffen Sie dort auf Christian Münch und Stefan Luppold die tiefere Einblicke in die Inhalte ihres Buches, "Ehrliche Events – weg vom Hype und hin zum Menschen!" geben. 

Bettina Strohm-Knauer Senior Content Marketing & PR Managerin, XING Events

Ihre ersten Schritte in der Kommunikation machte Bettina vor rund acht Jahren - damals als Studentin der Politik und Soziologie. Marketing und Corporate Communications ließen sie nicht mehr los und führten sie zunächst für den Master nach Leipzig, bevor sie beruflich in München landete. Seit 2019 verbindet sie ihre Leidenschaft für gute Inhalte, Unternehmenspositionierung und digitale Kanäle bei XING Events, wo sie Content Marketing und PR verantwortet.

Diese Artikel könnten Sie auch interessieren

Close

XING Events logo download

Laden Sie unser Logo-Kit herunter

Schnappen Sie sich die ZIP-Datei mit unserem Logo.

Close